„Wir sind alle verschieden verschieden“

Aus der Praxis für die Praxis

Es ist ein weiter Weg bis zu einer inklusiven Gesellschaft, in der die besonderen und die normal besonderen Menschen wirklich zusammen leben. Dieses Buch zeigt Etappen für die Reise

VON SYLVA BRIT JÜRGENSEN

Wer sich dieser Tage mit dem Begriff der Inklusion befasst, landet in einer Spaltung. Die einen haben keine Ahnung, was das eigentlich bedeuten soll. Die anderen wissen es so genau, dass schnell Streit über winzige Details ausbricht. Dieses Buch zeigt den Weg auf den vermeintlich weißen Fleck auf der Landkarte – der in Wahrheit schon ziemlich gut profiliert ist.

LehrerInnen, die im Umgang mit sehr heterogenen Schülergruppen vertraut sind, werden in „Eine Schule für Alle“ (Verlag an der Ruhr 2011) höchstwahrscheinlich viele Bekannte begrüßen: Offene Lernformen, Klima der Wertschätzung, vom Pauker zum Coach. Da wird bei vielen, die sich ein bisschen einsam fühlten, Freude darüber aufkommen, dass sie sich auf dem richtigen Weg befinden. Erfreulich ist auch, dass eine oft wenig beachtete pädagogische Randgruppe, die SonderpädagogInnen, so durchgängig mit Ihrer Expertise zu Wort kommt. Möglicherweise verstecken sich hier auch die bislang unscheinbaren Chancen des Paradigmenwechsels von „Regelschulen“ zu gelebten Inklusionsschulen. FörderschullehrerInnen haben ja selten die Gelegenheit, einen „normalen“ Regelschüler zu unterrichten. Dafür haben sie unendlich viele Chancen, Kinder in ihrer Entwicklung zu begleiten, Schritt für Schritt.

Dafür passt die Methode 08/15 nicht, die in mancher Regelschule den Tag bestimmt. Dies geht nur in einem Klima des Vertrauens, der Wertschätzung, in offenen anregenden Lernräumen, hoher Sach- und Methodenkompetenz plus diagnostischer Sicherheit. Was nun für besondere Kinder mit diagnostiziertem Förderbedarf gilt – und das ist eigentlich eine Binsenweisheit – gilt ja eigentlich für alle Kinder. Die sonderpädagogische Kompetenz des Auffindens der „Zone der nächsten Entwicklung“, sie wird in einem gelingenden inklusiven Schulkonzept auf alle Beteiligten ausgeweitet: vom Schwerstmehrfachbehinderten bis zum Hochbegabten, vom Integrationshelfer bis zum Schulleiter.

Die Herausforderungen, die eine solche Schule der Vielfalt zu bewältigen hat, werden deutlich. Die Schritte, die zu gehen sind, werden klar positioniert. Wo viele Experten im Nebel stochern und Talkrunden zurück ins letzte Jahrhundert gehen, da gibt „Eine Schule für alle“ präzise Auskunft – und macht Hoffnung. Und die brauchen wir: Denn die Hürden, die auf dem Weg zu einer allgemein anerkannten Inklusion zu überspringen sein werden, sind oft hoch – höher, als viele sich zu überwinden zutrauen.

Wer neugierig ist auf die Veränderung von Schule findet in dem Multi-Autoren-Werk fundierte theoretische Einschübe, Checklisten aller wichtigen pädagogischen Bereiche, spannende und nachvollziehbare Unterrichtseinheiten und Hinweise auf Materialien – alles Beispiele aus der Praxis bereits gelingender Inklusion. Es schafft Mut, sich auf den Weg zu machen.

Wer sich fürchtet, seinen Frontalunterricht und seine Schubladisierungshaltung aufzugeben, wird nach der Lektüre zur Verbrennung dieses Buchs aufrufen.

Wer sich fürchtet, dass es immer so weitergehen könnte mit unserem superexklusiven Schulsystem, wird etwas ganz anderes erleben. Die Berichtenden sehen in den entstehenden inklusiven Schule ein Nest, ein Nest, in dem eine inklusive Gesellschaft vorbereitet wird. Die Vision dieser Gesellschaft heißt: Dass Verschiedenheit Vielfalt bedeutet und dass Schule dieser Vielfalt gerecht werden kann – wenn vielfältig gehandelt wird. Dazu gehört…

1. eine Vielfalt im Team. Hilfreich sind hier gerade die Hinweise zum Thema Schulhelfer und Assistenz, sowie Beispiele für sinnvolles Teamteaching, da ich in einer inklusiven Klasse als alleinige Lehrkraft nicht mehr sinnvoll unterrichten kann.

2. eine Vielfalt in der Methodik, Binnendifferenzierung ist tägliches Brot.

Aufgelockert werden kann dies durch unterschiedliche Sozialformen und Arrangements der Lernangebote,auch Hinweise zum Umgang mit Förderplänen werden ebenfalls sehr deutlich und motivierend beschrieben.

3. eine Vielfalt der Schulstruktur, Auflösung starrer Unterrichtszeiten und -orte zugunsten offener Lernzeiten, kreativer Angebote und Nutzung außerschulischer Lernorte und Experten, Schule als Lern- und Lebensort wird begeisternd aufgezeigt.

Besonders berührt hat mich das Resumee der Lehrer nach der Unterrichtseinheit „Wir sind alle verschieden verschieden“. Schüler nehmen sich sich in heterogenen inklusiven Klassen sehr deutlich in ihrer Verschiedenheit wahr – aber sie hören auf, dies abzuwerten, sondern beginnen etwas, das ganz selbstverständlich sein sollte, es aber lange noch nicht ist: Verschiedensein als interessant und „normal“ zu empfinden.

Diese Kinder sind die Botschafter und die Vorbilder für eine Gesellschaft, die es zwar noch nicht gibt, die aber möglich ist.

Eine Schule für alle: Inklusion in der Sekundarschule umsetzen

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